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Die Vorläufer des Klaviers
Die Harfe und die Leier gehörten zu den ersten Zupfinstrumenten (1. Mose 4:21). Später kam das Hackbrett auf, dessen Saiten mit Klöppeln angeschlagen wurden. Im Mittelalter entstanden in Europa schließlich Tasteninstrumente, auf denen die Saiten über eine Klaviatur angerissen oder angeschlagen wurden. Am weitesten verbreitet waren das Klavichord und das Cembalo. Das Klavichord hatte die Form eines rechteckigen Kastens mit Deckel. Die Saiten des Instruments wurden von unten mit kleinen Metallstiften angeschlagen, den so genannten Tangenten. Man konnte es zwar dynamisch spielen, doch im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten oder auch mit Sängern gingen seine zarten Klänge leicht unter. Das etwas größere Cembalo hatte eher die Form des modernen Flügels. Die langen Saiten wurden durch Kiele oder mit Plektren angezupft. Es hatte einen kräftigen, vollen Klang, konnte allerdings immer nur in derselben Lautstärke gespielt werden.
Als um das Jahr 1700 neue, dramatische und ausdrucksstarke Musikstücke komponiert wurden, suchten die Musiker ein Tasteninstrument, das sich zum einen mit viel Gefühl spielen ließ, so wie das Klavichord, zum anderen aber die Klangfülle des Cembalos hatte.
Die Erfindung des Klaviers
Der italienische Instrumentenmacher Bartolomeo Cristofori verknüpfte schließlich die Bauweise des Cembalos mit der hammerähnlichen Mechanik des Klavichords. Er verwendete lederbezogene Holzhämmerchen, mit denen die Saiten angeschlagen wurden. Seine Erfindung nannte er Gravicembalo col piano e forte (Cembalo mit Leise und Laut), das dann kurz Pianoforte oder Piano hieß. Nun gab es ein Tasteninstrument mit einem volleren und kräftigeren Klang, auf dem man lauter oder leiser spielen konnte.
Leider erlebte Cristofori den Erfolg seines neuen Instruments nicht mehr. Da sich nur wenige dafür interessierten, baute er weiter Cembali. Fast 30 Jahre nach Cristoforis erstem Hammerklavier schaute sich der deutsche Orgelbauer Gottfried Silbermann die Mechanik noch einmal genauer an und fing selbst an, Klaviere zu bauen. Instrumentenbauer in Deutschland und Österreich entwickelten die Modelle stetig weiter, hauptsächlich um kleinere, leichtere, eher kastenförmige Klaviere zu bauen, die man dann
Tafelklaviere nannte.
Eine Gruppe von Klavierbauern war in England am Werk. Sie waren Ende der 1750er Jahre aus Deutschland ausgewandert. Einer von ihnen, Johannes Zumpe, entwickelte ein Tafelklavier, das sich gut verkaufen ließ. Sébastien Érard von Frankreich und andere Klavierbauer in Europa und Amerika verbesserten die Klaviere ständig weiter. John Broadwood, ein cleverer schottischer Kunsttischler, erkannte, dass das Klavier ideal für junge Frauen der neureichen Mittelschicht wäre. Seine Firma stellte bald unzählige
Tafelklaviere und Flügel her.
Die nächste schwierige Aufgabe bestand darin, ein aufrecht stehendes, kompaktes Klavier mit der Klangqualität eines Flügels zu bauen. Von nun an baute man Klaviere immer mehr in die Höhe. Zum Beispiel überragte die Besaitung eines vertikalen Broadwood-Klaviers die Klaviatur um fast 3 Meter. Da es dadurch jedoch eindeutig zu kopflastig war, erwies es sich als zu gefährlich, darauf zu spielen! Ein anderes aufrecht stehendes Modell war das Giraffenklavier. Es hatte im Grunde die Form eines Flügels,
nur dass der hintere Teil eben nicht wie bei einem Flügel waagrecht stand, sondern sozusagen hochkant gestellt war. Der Engländer John Isaac Hawkins baute dann im Jahr 1800 das erste wirklich gut funktionierende aufrecht stehende Klavier, indem er das untere Ende der Besaitung bis auf Fußbodenhöhe hinunterführte. Das hatte zur Folge, dass das Tafelklavier nach und nach ausstarb.
Komponisten entdecken das Klavier
In der Zwischenzeit entdeckten Komponisten das Klavier. Als der junge Wolfgang Amadeus Mozart 1777 die Werkstatt des Klavierbauers Johann Stein in Bayern besuchte, um das neue Instrument auszuprobieren, war er davon sehr angetan. Bald darauf schrieb er Musikstücke für das Instrument. In nur vier Jahren komponierte er nicht weniger als 15 Klavierkonzerte. Doch vor allem Ludwig van Beethoven zeigte ein paar Jahre später, was für ein Potenzial in diesem neuen Instrument steckte. Er erweckte das
Klavier zum Leben, ließ es förmlich singen. Auf so ein Instrument hatte die Welt gewartet. Eine neue Welle romantischer, leidenschaftlicher Musik entstand. Für den „Klavierpoeten“ Frédéric François Chopin war es das ideale Mittel, Gedanken und Gefühle auszudrücken. Franz Liszt war Schöpfer einer aufregenden, neuartigen Musik, die das Piano wie ein Orchester erklingen ließ. Und auch seine Virtuosität versetzte seine Zuhörer in helle Begeisterung.
Leider hielten der Holzrahmen und die dünne Besaitung des Klaviers die laute, leidenschaftliche Musik eines kraftvollen Konzerts nicht lange aus. Klavierbauer fügten daher Eisenspreizen ein. Diese verbesserten sie immer mehr, bis sie schließlich einen gusseisernen Rahmen aus einem Stück verwendeten. Nun konnten sie eine dickere Besaitung und schwerere Hämmer verwenden, um ein größeres Klangvolumen zu erzeugen. Dem daraus resultierenden härteren Klang halfen sie durch filzbezogene Hämmer ab. Später
wurden die längeren Saiten diagonal über die kürzeren gespannt. Auch das verbesserte den Klang und sparte Platz. Damit war das moderne Klavier entstanden. Mit ihm erschienen Scharen großer Pianisten auf der Bildfläche. Sie füllten die Konzertsäle mit begeisterten Zuhörern, die dem immer größer werdenden Repertoire der Klaviermusik lauschen wollten. Mittlerweile versuchten Klavierbauer in Europa und Amerika der enormen Nachfrage nach Klavieren so schnell wie möglich nachzukommen und stellten sie en gros
her.
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Klaviere über Klaviere
Anfang des 20. Jahrhunderts war das Klavier das neue Statussymbol, das in jedem Heim stehen musste. Ob es jemand spielen konnte oder nicht, war dabei einerlei. Pianisten waren sehr gefragt. Sie sollten Kunden oder Reisende unterhalten, Hintergrundmusik für Stummfilme spielen und den wachsenden Strom von aufstrebenden Klavierschülern unterrichten. Kam man im Kreis der Familie zusammen, war oft das Klavier der Mittelpunkt. Klavierschüler fingen an, ihre eigenen kleinen Konzerte zu geben. In einem
fort wurden neue Klavierstücke komponiert. Es entwickelten sich auch sehr unterschiedliche Stilrichtungen — beispielsweise der eingängige, synkopierte Ragtime, der langsame Blues und der rhythmische Boogie-Woogie.
Nach dem Ersten Weltkrieg waren Klaviere nicht mehr so begehrt. 1910 gab es weltweit noch eine Spitzenproduktion von 600 000 Klavieren, doch danach ging der Absatz allmählich zurück. Der Rückgang war darin begründet, dass Grammophon, Radio, Plattenspieler und Fernseher die Rolle des Unterhalters im eigenen Heim übernahmen. Aber das Klavier erlebte eine Renaissance. Dank neuer technischer Fortschritte nach dem Zweiten Weltkrieg war es wieder im Kommen. Bis 1980 stieg die Zahl wieder auf mehr als
800 000 an. Die heutigen leichteren Klaviere sind aus Kunststoff und Metall hergestellt; für die weißen Tasten verwendet man nicht mehr Elfenbein, sondern Kunststoff. Eins der führenden Länder in der Klavierherstellung ist Japan. Auch in China ist die „Königin der Instrumente“, wie dort das Klavier genannt wird, populär geworden.
Wäre es nicht schön, wenn man selbst Klavier spielen könnte?
Bei manchen Instrumenten muss man üben und üben, um auch nur einen Ton herauszubringen. Aber beim Klavier braucht man nur ein paar Tasten in der richtigen Reihenfolge zu drücken und schon macht man Musik! Einige haben die Begabung, nach Gehör zu spielen. Doch die meisten lernen mit einem einfachen Lehrbuch zum Selbstunterricht ziemlich schnell, mit der rechten Hand eine Melodie und mit der linken dazu die Begleitung zu spielen. Es ist ein richtiges Erfolgserlebnis, wenn man sein Lieblingsstück
mithilfe von Noten nachspielen kann! Vielleicht einen mitreißenden Marsch, einen beschwingten Walzer oder eine Ballade, die man besonders liebt. Vielleicht auch etwas Lateinamerikanisches oder Jazziges. Es bereitet auch großes Vergnügen, mit einem Freund ein Stück vierhändig zu spielen! Und nicht zu vergessen ist die Freude, die man verbreiten kann, wenn man ein paar Freunde beim Singen begleitet oder zusammen mit ihnen musiziert. Kribbelt es da nicht in den Fingern? Möchte man diese Welt voll Musik nicht selbst einmal „ertasten“?
* Siehe Erwachet! vom 8. November 2002, Seite 19—21.
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Wie ein Flügel funktioniert
Über 200 parallel verlaufende, stark gespannte Stahlsaiten erzeugen 88 Töne. Kurze, dünne Saiten, die schnell schwingen, erzeugen hohe Töne; lange, dicke Saiten, gewöhnlich mit Kupferdraht umsponnen, erzeugen tiefe Töne. Bis auf die tiefsten Töne wird jeder Ton von zwei oder drei gleich gestimmten Saiten erzeugt.
Beim Drücken der Taste (1) setzen Hebelarme einen gepolsterten Hammer in Gang, der eine oder mehrere gleich klingende Saiten anschlägt und sofort wieder in seine Ausgangsstellung zurückfällt. Hält man die Taste gedrückt, schwingt die Saite weiter und der Ton klingt langsam aus. Lässt man die Taste los (2), drückt ein Dämpfer gegen die Saite, damit sie nicht weiterschwingt. Wird das rechte Pedal am Fuß des Klaviers
getreten, hebt es alle Dämpfer ab. Dadurch können hintereinander gespielte Töne ineinander übergehen.
Die Saiten verlaufen über Holzleisten, so genannte Stege (3), die mit dem Resonanzboden (4) aus Holz verbunden sind. Er verstärkt die Schwingungen der Saiten und strahlt sie ab. Das führt zu einer besseren Resonanz oder Klangfülle. Der Holzkasten um den Resonanzboden herum wirkt zusätzlich als klangverstärkender Resonanzkörper.
Die Saiten sind mittels Stahlstiften am Gussrahmen eingehängt (5). Der Rahmen eines Flügels muss stark genug sein, um eine Zugspannung von bis zu 30 Tonnen auszuhalten.
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